Aktivist
Frank Bungarten
Von Wieland Ulrichs (Interview)
Ende letzten Jahres fanden zum 17. (und letzten) Male die “Göttinger Gitarrentage” statt, bei denen der Hannoveraner Gitarrenprofessor Frank Bungarten eine zentrale Rolle spielte. Neben stilistisch vielfältigen Konzerten – darunter Bungarten mit dem Göttinger Sinfonie-Orchester, Uraufführungen von Auftragskompositionen – gab es Seminarunterricht bei vier Dozenten, Diskussionen und anderes mehr. Wir trafen Frank Bungarten im Rahmen des Festivals.
- Glaubwürdigen Quellen zufolge hast du “musikalische Jugendsünden” mit einem Saxofon hinter dir – in einer Jazzband.
Frank Bungarten: Du sprichst meine mehr oder minder professionellen Aktivitäten mit meinem alten Freund Wulfin Lieske an, den ich kennen lernte, als ich an der Hochschule in Köln zu studieren begann. Ich war siebzehn, und er war ein paar Jahre älter, glaube ich. Wir haben uns sofort verstanden und festgestellt, dass wir gemeinsame musikalische Interessen haben.
- Jenseits der Konzertgitarre?
Frank Bungarten: Absolut jenseits der Konzertgitarre – davon war gar nicht die Rede (lacht). Wir haben dann eine Band gegründet, die “Extempore” hieß und so genannte freie Musik, wie es damals hieß, improvisierte Musik und Free Jazz spielte. Die Band war durchaus professionell tätig, machte eine Platte, Rundfunkaufnahmen, Festival-Auftritte …
- Du hast auch heute noch einen Hang zum Jazz.
Frank Bungarten: Ich habe eine Neigung zu jeglicher guten Musik. Diese Grenzen sind generell in einer Auflösung begriffen und haben für mich eigentlich nie existiert.
- Aber das Saxofon hast du an die Wand gehängt?
Frank Bungarten: Ich musste feststellen, dass es zeitlich fast unmöglich ist, beides zugleich professionell zu betreiben. Aber demnächst werde ich mir mal wieder eine Plektrum-Gitarre kaufen und einen schönen Marshall-Turm dazu zu stellen ...
- Du dozierst in Hannover und Luzern, machst etwa alle zwei Jahre eine CD, gibst reichlich Konzerte und hälst Seminare – wie ist das überhaupt zeitlich zu verkraften?
Frank Bungarten: Bis vor ein paar Jahren war das ein Problem. Da hatte ich noch nicht gelernt, mit mir selber richtig umzugehen, es war eher eine Form von Selbstausbeutung. Das Leben hat mich inzwischen durch verschiedene Erfahrungen gelehrt, meine Zeit richtig einzuteilen: Zeit kann man gar nicht einsparen, Zeit ist. Alles, was man macht, ist gute Lebenszeit, die ich immer genieße – ich habe eine sehr positive Einstellung zum Leben. Das ermöglicht mir, alles zu machen, was ich will.
- Wir treffen uns hier ja gerade nach dem Ende der Göttinger Gitarrentage. Ihr seid dabei, nach Lübeck umzuziehen.
Frank Bungarten: Göttingen war ein wunderbarer Standort für dieses Festival, sonst hätte es ja nicht 17-mal stattgefunden. Insofern war es eine konstante Institution in der deutschen Gitarrenwelt. Die Organisatoren der letzten Jahre haben beschlossen, eine Auszeit zu nehmen, weil das Festival ein ganz anderes Format angenommen hat. Dazu gehört etwa die Mitwirkung der Gäste aus den USA, die Idee mit dem Kompositionswettbewerb; es hängt organisatorisch und finanziell sehr viel dran. So soll das Festival anderswo weiter wachsen. Die Freunde, die es in Lübeck weiterführen wollen, sind schon lange damit verbunden – als Teilnehmer und als Musiker. Sie haben auch viele Ideen, wie man es im norddeutschen Raum befruchtend weiterführen kann: mehr Spielorte, mehr Aktivitäten, neue inhaltliche Ansätze …
- Es gibt ja ohnehin schon eine große Bandbreite von der Alten Musik über die “normale” Konzertgitarre zum Jazz. Kommt da die Improvisation hinein?
Frank Bungarten: Die Improvisation hat da schon längst einen ganz großen Stellenwert. Dafür haben wir als eine Schlüsselfigur seit drei Jahren meinen großen Kollegen Fareed Haque eingeladen, der für mich der kompletteste Gitarrist dieser Welt ist. Ich kenne niemanden, der im gleichen Maße klassische Musik, außereuropäische Musik, traditionellen Jazz und freie Formen beherrscht und auf höchstem Level praktiziert. Auch der Lautenist Stephen Stubbs ist ein Musiker, der gewohnt ist zu improvisieren, frei mit der Musik umzugehen. Es gibt viele Räume, in denen man das anwenden kann. Wir haben festgestellt, dass der “Crossover-Effekt” in den letzten Jahren wieder zurückgegangen ist. Ich meine den Effekt, den wir ja angestrebt haben, dass klassische Gitarristen mehr lernen, die Notwendigkeit dafür einsehen und auch mit Lust Seminare besuchen, wo sie Generalbass spielen können, über Skalen improvisieren …
- Wo gehört im Rahmen der jetzt ungefähr umrissenen Bandbreite für dich das “Concierto de Aranjuez” hinein?
Frank Bungarten: Bei den Kompositionen, die wir bei dem Uraufführungskonzert gespielt haben, gab es eine bestimmte Tendenz, nämlich, Musik zu spielen, die eben nicht von Gitarristen an der Gitarre “gebastelt” wurde – sondern Musik, die als Musik an sich existieren soll. Und wenn man sich die Stücke anschaut, die es geschafft haben, über das “Gitarren-Biotop” hinaus Beachtung zu finden, die man auch in zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahren noch hören will, dann sind dies immer Werke von Komponisten, die auch andere Werke für andere Instrumente geschrieben haben. Diese Gitarrenwerke dieser Komponisten sind es, die bleiben.
- Wobei Rodrigo selbst sein “Concierto” als einen Baum bezeichnet hat, der sein anderes Werk überschattet.
Frank Bungarten: Das stimmt, aber es gibt eben dieses andere Schaffen. Das “Concierto” – und sei es nur dieses von Rodrigo – hat Aufmerksamkeit über die Gitarrenszene hinaus gefunden, und das gilt für die Gitarristen-Komponisten eben nicht. Rodrigo ist ja kein Gitarrist-Komponist. Er hat einfach ein großes Gitarrenwerk, auch Fantastisches für Gitarre solo und Kammermusik hinterlassen.
- Nicht zuletzt von Dir auf CD zu hören …
Frank Bungarten: Es hat ja auch seinen Grund, dass ich mich für so etwas einsetze, und der liegt ausschließlich in der Qualität dieser Stücke. Die “Five Portraits” von Daniel Schnyder, die ich gerade uraufgeführt habe, gehören für mich zu einer neuen Generation von Werken im Crossover-Bereich und sind auch von einem Komponisten geschrieben, der längst außerhalb der Gitarrenwelt erfolgreich und anerkannt ist. Hier haben wir Stücke in einem Stil, der wahrscheinlich die nächsten zehn, zwanzig Jahre die so genannte Konzertmusik auch bestimmen wird. Und das “Concierto de Aranjuez” passt aus historischer Sicht in diesen qualitativen Rahmen und ist für uns bei den Gitarrentagen ein Abschluss, ein Gipfelpunkt, bei dem wir die Gitarre unter Bedingungen vorstellen, von denen wir wissen, dass 1.200 Leute kommen. Damit sollte auch deutlich werden, dass uns die Gitarre weit über deren Szene hinaus als Werkzeug für große Musik interessiert.
- Warum braucht die Gitarrenszene diese Einflüsse von außen und die Ausstrahlung nach außen? Was passiert, wenn das nicht erfolgt?
Frank Bungarten: Eine sehr gute, wichtige Frage … Dann wird sich der gleiche Zyklus wiederholen, der sich in der Geschichte der Gitarre immer wiederholt hat: Es gab Blütezeiten, in denen Personen auftraten, denen es wirklich um Musik ging – und immer ist das wieder in einer “subkulturellen Sphäre” versunken. Gitarristen neigen dann dazu, sich nur noch selbst zu bespiegeln. Durch ihre Herkunft und Ausbildung haben sie einfach Defizite gegenüber anderen Instrumenten. Das liegt schon daran, wie man das Instrument aufgreift und lernt, wie traditionell unterrichtet wird, wie die Leute allein in ihrem Kämmerlein arbeiten und üben. Ich unterrichte ja nun schon seit fast zwanzig Jahren an Hochschulen und kann an den Studenten immer wieder sehen, dass Gitarristen elementarste musikalische Defizite im Vergleich zu diversen anderen Musikern mitbringen.
- Das hätte ich gerne noch etwas spezifiziert.
Frank Bungarten: In den Diskussionen und im Austausch mit Steve Erquiaga, Fareed Haque und Stephen Stubbs wurde immer unglaublich deutlich, dass Timing nicht eben die Wurzel des klassischen Gitarrenspiels ist, so wie das Timing des Jazz oder der afrikanischen Musik und vieler anderer Musikformen. Es wurde deutlich, dass Gitarristen nicht wissen, was sie spielen, warum sie es spielen, sondern in irgendwelchen Systemen befangen sind, in denen sie glauben, etwas spielen zu müssen, das aber meistens nicht mit ihrem Herzen, ihrem Ohr und ihrem Körper so verbunden ist, wie es eigentlich bei einem Musiker vorausgesetzt werden muss.
- Liegt das vielleicht auch am Standard-Repertoire?
Frank Bungarten: Nein, das liegt nicht unbedingt am Repertoire, es liegt an der Vorgehensweise, dass Gitarristen oft erst mal versuchen, etwas überhaupt hinzukriegen, weil das Instrument unheimlich schwer ist. Damit sind sie dann dermaßen beschäftigt, dass sie darüber vergessen, dass sie eigentlich Musik machen wollten. Ich kann mir aber auch ein Festival mit vier, fünf klassischen Gitarristen, die nacheinander ihr typisches Repertoire abspielen, auch nicht sonderlich fruchtbar vorstellen. Das bringt musikalisch irgendwann einfach nichts mehr.
- Du hast kürzlich eine CD mit Opern-Paraphrasen vorgelegt. Ich habe den Eindruck, dass du solche Projekte sehr sorgfältig und langfristig angehst. Was kommt denn als nächstes?
Frank Bungarten: Schon aufgenommen sind die drei Bach-Partiten für Violine solo in Fortsetzung der geschichtsträchtigen 87er Sonaten-Aufnahme. Ich habe sie am 1. April 2000 aufgenommen; die CD wird im Frühjahr 2001 erscheinen. Das war natürlich ein Projekt mit sehr langer Vorlaufzeit, das sehr viel Kraft erfordert hat. In der Zwischenzeit habe ich schon wieder viel Repertoire gelernt und gespielt und kann nun andere Projekte realisieren, die ich schon lange vorhabe, z.B. möchte ich auch einmal eine reine “Gitarren”-Platte aufnehmen.
- Das übliche Debüt-Repertoire?
Frank Bungarten: Nein – das wäre das ganz persönliche Zugaben-Repertoire: kleinere Stücke, die nicht in einem größeren Zusammenhang aufgehen, die für sich stehen und leuchten, die man immer so liebt, wenn man Gitarre spielt, aber eben nur in einem Potpourri- oder Zugabe-Rahmen unterbringen kann. Trotzdem wird es als fertige Scheibe einen bestimmten Spannungsbogen haben. Es werden keine Standards sein. Die Präludien von Villa-Lobos etwa würde ich nie einzeln spielen, sondern immer im Zusammenhang, in einem Kontext. Übrigens werde ich wohl auch einmal eine Villa-Lobos-Gesamtaufnahme machen, allerdings erst zu einer Zeit, wenn sich die ganze Welle ein bisschen beruhigt hat, der Blick wieder freier ist für das, was bleibt. Es gab in letzter Zeit einfach zu viele Gitarren-Aufnahmen, bedingt durch die verfügbaren technischen Möglichkeiten. Jeder Student kann CDs aufnehmen. Man muss aufpassen, dass man da nicht in der Masse überflüssiger Produkte untergeht. Ich glaube, in dem Bereich wird bald wieder Ruhe einkehren, dann werden die Ohren wieder offener für bestimmte Dinge sein, die bleiben sollen.
- Dein Label wirbt damit, dass du ein außergewöhnlich großes aktives Repertoire hast. Was bedeutet das?
Frank Bungarten: Das heißt, dass ich schon fast alles gespielt habe, was spielenswert ist (lacht), und das auch mehr oder weniger jederzeit abrufen kann. So habe ich bei den Göttinger Gitarrentagen siebzehnmal ein komplett verschiedenes Programm gespielt.
- Wie hält man solche Programme präsent?
Frank Bungarten: Voraussetzung ist, dass die Dinge, die ich spiele, immer sehr bewusst gearbeitet sind. Von Anfang an. Im Hinblick auf Fingersätze, alle Gestaltungsfragen, im Hinblick auf das Verstehen der Werke – dann ist es auch nicht so schwer, ein Werk wieder aufzugreifen, es anzugucken, als hätte ich es nie gesehen. Dann kann ich wieder neu vorgehen und ihm eine neue Lebendigkeit geben.
- Kommst du dann zu den selben Resultaten oder verändert sich etwas?
Frank Bungarten: Wenn das gut war, was ich vor fünfzehn Jahren mit einem Stück gemacht habe, dann wird das jetzt auch wieder gut sein. Wenn daran etwas noch nicht gut war, versuche ich, es herauszufinden. Es kann sein, dass ich heute in bestimmte Stücke nicht tiefer eindringen kann. Es kann aber durchaus auch sein, dass mein Blick sich erweitert hat, dass er noch tiefer geht. Ich habe z.B. beim “Concierto de Aranjuez” vor dieser Aufführung hier diverse Fingersätze geändert, obwohl ich es schon seit fünfzehn Jahren spiele. Ich habe auch die Anregung, den Anfang rein im Rasgueado zu spielen, umgesetzt. So geht das eigentlich mit jedem Werk: ich schaue es an, finde neue Lösungen, dringe tiefer ein – oder ich merke, es ist nicht dran, die Neugier ist nicht da, dann will ich es auch nicht spielen.
- Lässt sich das auch als Reifungsprozess beschreiben?
Frank Bungarten: Das merke ich, wenn ich auf die Aufnahmen zurückblicke: es geht permanent weiter. Ich glaube, ich arbeite heute an den Sachen noch bewusster denn je, und habe noch sehr viele Ideen, die ich umsetzen muss und hoffentlich umsetzen kann. Aus den Inspirationen, die ich aus dem Treffen etwa mit Fareed Haque gezogen habe, gewinne ich Ideen für fast ein Jahr Arbeit.
- Langeweile ist also nicht zu erwarten?
Frank Bungarten: Überhaupt nicht. Was das Publikum für gut befindet, ist eine andere Frage, aber ich bin der Auffassung: man kann z.B. alles von Fernando Sor spielen, was als Konzertstück gedacht ist. Ein Drittel habe ich schon aufgeführt, da ist also noch viel zu erwarten. Von kontemporärer Musik gibt es noch viel, was ich spielen möchte, es kommt Neues hinzu. Das genannte Werk von Daniel Schnyder ist sehr gut angekommen; das gitarristische Publikum hält es für eine Bereicherung des Repertoires. Ich glaube auch, dass der Bereich Transkriptionen/Bearbeitungen von mir wieder etwas offener angegangen wird, als ich es bisher gemacht habe. Das muss dann nicht unbedingt Gitarre solo sein. Ich experimentiere auch mit dem Instrumentarium und natürlich der Realisation. So bin ich auch offen, Stahlsaiten aufzuziehen …
- … eine Maccaferri-Gitarre?
Frank Bungarten: Nein, eher eine alte Martin (lacht). Aber ich will noch nichts verraten.
- Schade. Dann darf ich mich bedanken und dich um ein Schlusswort bitten.
Frank Bungarten: Meine Message für die Leute da draußen (lacht)? Haltet eure Augen und Ohren offen für die Norddeutschen Gitarrentage, die nächstes Jahr wieder Ende November, Anfang Dezember stattfinden.
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