Serenade to the Dawn
Der erste Impuls zu dieser Aufnahme geht zurück auf das Jahr 1987, in welchem ich meine erste Produktion für MD&G eingespielt hatte. Werner Dabringhaus hatte die Idee, mich mit dem hoch geschätzten Flötisten Paul Meisen für ein CD-Projekt zusammenzubringen, was ich am Anfang meiner Laufbahn bei diesem Label durchaus als Auszeichnung verstehen durfte.
Der Kontakt entstand, interessante Repertoireideen wurden ausgetauscht, doch bevor irgendetwas entstehen konnte, entschied Meisen, seine Karriere als ausübender Musiker zu beenden und sich nur noch dem Unterrichten zu widmen.Fortan ruhte diese Idee und ich empfand nie einen besonderen Drang, sie unter anderen Vorzeichen wieder aufzugreifen.
Ich muss gestehen, dass gewisse kammermusikalische Kombinationen und vor allem Flöte/Gitarre, so naheliegend sie auch sind, für mich häufig etwas biederes, gefälliges, harmloses ausstrahlen. Mag sein, dass ich da von meiner Vergangenheit als Saxophonist einer Free Jazz Band geprägt bin. Ich brauche einfach ein gewisses Level an Energie, eine bestimmte Kühnheit und Lebendigkeit im Zusammenspiel, eine größtmögliche Spanne von Ausdruck und Dynamik.
Die Antwort auf diese offene Frage ergab sich ganz natürlich, als Andrea Lieberknecht, zufällig eine frühere Absolventin der Münchener Schule Paul Meisens, durch ihre Erfolge als neue Kollegin an meiner Hochschule in Hannover auf sich aufmerksam machte. Ein gemeinsamer, relativ spontaner Probennachmittag genügte, um die vorliegende Aufnahme bereits zu skizzieren und die beidseitige Zurückhaltung dieser Besetzung gegenüber in Begeisterung umschlagen zu lassen.
Es wurde bald klar, daß wir uns auf die spannendsten noch tonalen Werke des zwanzigsten Jahrhunderts fokussieren wollten, unter Vermeidung gewisser allgegenwärtigen Zugnummern, die das Repertoire dieser Gattung bereits dominieren.
Die Serenade von Willy Burkhard war mir allerdings schon seit langem als ein zu selten gespieltes Werk aufgefallen. Es ist bekannt, wie schwierig es ist, für die Gitarre zu schreiben, ohne sie zu spielen. Umso erstaunlicher, dass dieser Komponist sie mit diesem einzigen Stück bedachte und dabei so versiert und idiomatisch einsetzt. Er spielt auf die scheinbare Harmlosigkeit der Besetzung in den Sujets der einzelnen Sätze bewusst an, um sie doch in einer subtilen, abgründigen Ironie zu brechen.
Sein Schweizer Landsmann und Zeitgenosse Hans Haug ist ihm in diesen dunklen Untertönen verwandt, allerdings erschien uns seine kompositorische Sprache mit ihren dodekaphonischen Anklängen weitaus schwieriger zugänglich. Obwohl er die Gitarre in diversen Werken eingesetzt hat, ist seine Behandlung des Instruments im Cappriccio eher unsicher und inadäquat, so dass es besonderer Anstrengung bedarf, die Partitur zum klingen zu bringen. Die unvergleichlich opulentere Flötenstimme und die nachhaltige Tiefe und Erfindungskraft der Musik entschädigt jedoch vollständig dafür.
In einem bewußten Kontrast dazu haben wir die Sonatine von Mario Castelnuovo-Tedeso, eher ein "Standardwerk", gestellt. Seine unerschöpfliche Natürlichkeit im Finden von Melodien verbindet sich mit einer lässigen Sicherheit in formaler Ordnung und Instrumentenbehandlung. Für Gitarre schreibt er gewohnt quasi orchestral und das gesamte Spektrum der im tonalen Rahmen möglichen Virtuosität der Flöte wird völlig zwanglos einer überbordenden Musizierfreude dienlich gemacht.
Die eigentliche Entdeckung war für uns die Polydiaphonie von Eugène Bozza. Dieser Komponist ist allen Bläsern durch eine Vielzahl ausgesprochen virtuoser und instrumentenspezifischer Werke so nah, wie der Gitarre fern.
Drei Aspekte sind in dieser äußerst selten zu hörenden Komposition zunächst auffällig: die scheinbar völlige Abwesenheit von Form, die im Vergleich zu anderen Werken desselben Autors relative "Modernität" der Tonsprache, und sein überraschendes Geschick, für Gitarre zu schreiben. Obwohl die Flöte unzweifelhaft die führende Rolle spielt, wäre der Gitarrenpart allein in seiner Fülle und Raffinesse eines Solokonzertes würdig. Die Musik entspinnt sich wie improvisiert, aber die wunderbar ineinander greifenden, nie vorhersehbaren Einfälle beider Instrumente ergeben einen nicht abreissenden natürlichen "flow".
Um diesem eher "freien" Werk einen formalen Rahmen zu geben, haben wir im Anschluss die Serenade von Joaquin Rodrigo platziert, die in der unverkennbaren Schule de Fallas sehr kompakt und beinahe holzschnittartig verfasst ist. In der Natur dieser Tonsprache wird hier am ehesten "gegen" die Flöte komponiert, und das ergibt mit der sehr charakteristisch verwendeten Gitarre einen spezifischen ausdrucksmäßigen Reiz.
Für uns war sofort klar, daß das relativ kurze Distribuçao de Flores von Villa-Lobos, ebenso sein einziges Werk für diese Besetzung, perfekt an Rodrigo anschließt und einen versöhnlichen, aber auch offenen und leicht mysteriösen Ausklang bildet.
Die Idee, dem exotischen, urwaldhaften dieser Musik durch die Verwendung der Bassflöte besondere Geltung zu verleihen, war zu verführerisch, um es nicht zu tun.
Mit der Vollendung dieser Aufnahme wurde mir deutlich, was ich unbewusst über so viele Jahre verpasst habe, wieviel gute Musik voller lebendiger kammermusikalischer Interaktion es für diese Besetzung gibt. Alles hat seine Zeit - ich freue mich auf die Fortsetzung mit Musik des 19. Jahrhunderts.
Frank Bungarten
Andrea Lieberknecht wurde 1965 Augsburg geboren und hat an der Musikhochschule München bei Prof. Paul Meisen studiert. Noch vor ihrem Studienabschluß wurde sie 1988 Soloflötistin im Münchner Rundfunkorchester. Drei Jahre später ging sie in gleicher Position zum Sinfonieorchester des Westdeutschen Rundfunks in Köln.
Als Solistin und Kammermusikerin (mit dem ARCIS Quintett und mit ihrem Pianisten Jan Philip Schulze) gewann sie zahlreiche nationale und internationale Wettbewerbe: So zum Beispiel den internationalen Musikwettbewerb "Prager Frühling 1991, den Internationalen Flötenwettbewerb Kobe 1993, den Deutschen Musikwettbewerb 1996, den ARD-Wettbewerb und die Internationalen Kammermusikwettbewerbe in Colmar, Trapani und Belgrad.
Seitdem führten sie Recitals, Solokonzerte und Kammermusikauftritte mit namhaften Musikern und Ensembles rund um den Globus. Sie spielte Solokonzerte und Kammermusik auf internationalen Festivals, wie z.B. Ansbacher Bachwochen, Rheingaufestival, Schleswig-Holstein-Festival, Festivals in Iida und Hamamatsu in Japan, Glasbeni September Maribor in Slovenien. In den Jahren 1993 bis 1996 war sie außerdem Soloflötistin der Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele.
In Deutschland spielte sie Flötenkonzerte mit dem Kölner Rundfunksinfonieorchester, den Münchner Symphonikern sowie mit der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, den Augsburger Philharmonikern, der Nordwestdeutschen Philharmonie und verschiedenen Kammerorchestern.
Zahlreiche zum Teil preisgekrönte CD-Aufnahmen mit Solo- und Kammermusik dokumentieren ihr vielseitiges künstlerisches Schaffen.
Von 1996 bis 1999 unterrichtete sie an der Musikhochschule in Köln, seit WS 1999 ist sie Professorin für Flöte an der Hochschule für Musik & Theater in Hannover. Sie ist regelmäßig Jurymitglied bei Flötenwettbewerben und gibt Meisterkurse in Europa, Japan und Australien.
Meisterkurse, Meisterklassen in Europa, Japan und Australien.
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