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Elogio de la guitarra

Klassische Musik für Gitarre mit ”Spanischer Musik” zu assoziieren, ist eine ebenso populäre Oberflächlichkeit, wie die leichtfertige Gleichsetzung ”Spanischer Musik” mit andalusischer Folklore. Tatsächlich ist ein großer Teil spanischer ”Volks”- und ”Kunstmusik” katalonischen oder kastillianischen Ursprungs und die bedeutenden Komponisten einer sich zum Ende des 19. Jahrhunderts herausbildenden nationalen Schule haben bis auf eine einzige Ausnahme gar keine Gitarrenmusik hinterlassen.Dennoch berührt eine solche vage und undifferenzierte Assoziation eine über alle musikgeschichtlichen Fakten hinausreichende Wahrheit: Ungeachtet der Größe und Vielfalt der gesamten spanischen Volksmusik und der Unmöglichkeit, ihre Elemente genau zu destillieren, ist es die uralte andalusische Gesangskunst des Cante Jondo, die seit je her die größte Faszination auf Musiker und Hörer ausübt, und es ist die Gitarre, die sie begleitet.

Der Cante Jondo (”tiefer Gesang”) geht heute in dem seine Wurzeln und Grenzen allmählich verwischenden Begriff des Flamenco auf und ist im Ursprung zutiefst verwandt mit arabischer und indischer Musik, also originäre ”Weltmusik”. In der archaischen Dramatik dieses Gesangs hat sich etwas von einer kulturellen ”Wiege der Menschheit” erhalten, ursprünglicher Ausdruck des nie endenden Überlebenskampfes, Leidens und Liebens der Menschen. Es war diese Ausdruckswelt, die bereits russische Komponisten des 19. Jahrhunderts, wie Glinka und Rimsky-Korsakow an Spanien faszinierte und später noch tiefere, auffälligere Spuren bei Debussy und Ravel hinterließ.

Der herausragende und einflußreichste spanische Komponist des 20. Jahrhunderts, Manuel de Falla (1876-1946) hat mehr als irgend jemand zuvor das Wesen des Cante Jondo durchdrungen und für die moderne Kunstmusik transformiert. In seinen Schriften verweist er auf die latente ”Modernität” der charakteristischen gesanglichen Melismen und Modulationen (feinste Tonhöhen- und Klangfarbenveränderungen der Stimme) und in seiner Musik verwirklicht er eine kongeniale Assimilation dieses traditionellen Materials.Obwohl die Gitarre als das einzige gleichermaßen in der andalusischen Volksmusik wie in der zentraleuropäischen Konzertmusik verwendente Instrument eine Art Symbol des Zusammentreffens der Kulturen ist, hat de Falla, der sogar liebevoll vom toque jondo (”tiefes Spiel”) sprach und ihre klanglichen Facetten rühmte, nun nur das zwei Notenseiten füllende Homenaje (Le Tombeau de Debussy) für dieses Instrument geschrieben. Dieses 1920 entstandene Stück ist die obenerwähnte einzige Ausnahme innerhalb des Schaffens der berühmten Phalanx Pedrell-Albeniz-Granados-de Falla und zugleich unweigerlicher Bezugspunkt für alle folgenden Gitarren-Kompositionen unseres Jahrhunderts.Es stellt eine Kristallisation vielschichtigster, markantester musikalischer Substanz dar, deren Einzigartigkeit umso schmerzlicher wäre, gäbe es nicht das Gitarrenwerk Joaquin Rodrigos (* 1902), des legitimen Statthalters und Erben de Fallas. Ihm und dem langjährigen Wegbegleiter de Fallas, Joaquin Turina (1882-1949), blieb es vorbehalten, sowohl den Triumph des andalusischen Elements in der spanischen Musik des 20. Jahrhunderts zu vollenden, als auch ein repräsentatives Repertoire dieses Stils für die klassische Gitarre entstehen zu lassen. Die wenigen Gitarrenwerke Turinas tragen bezeichnenderweise das meiste zur heutigen Bekanntheit seines Namens bei.Die Berühmtheit des Joaquin Rodrigo hat etwas Schicksalsironisches, Paradoxes, denn er ist, was immer noch die wenigsten Musikkonsumenten mit seinem Namen und Werk in Verbindung bringen, der Schöpfer eines der meistzitierten musikalischen Motive aller Zeiten: des Themas aus dem Adagiodes 1939 geschriebenen Concierto de Aranjuez für Gitarre und Orchester. Während dieser zweifellos geniale Wurf - auch in bezug auf das Repertoire der Gitarre - eine seinem Ursprung bereits völlig entfremdete Popularität erlangte und sich als Mythos verselbständigte, scheint das tatsächliche Gesamtwerk des Komponisten zu einem Schattendasein verurteilt.In großer und keineswegs beliebiger Produktivität hat Rodrigo beinahe alle Gattungen der Orchester-, Kammer- und Vokalmusik bedacht und die ausgeprägte Tonsprache de Fallas und des neoklassizistischen Strawinsky fortgeführt zu einem unverkennbaren Individualstil. In diesem geht die allgegenwärtige Urkraft des Cante Jondo und der charakteristischen Flamenco-Tanzrhythmen eine völlig organische Synthese mit der Kontrapunktik und formalen Disziplin der Musik des 16. und 17. Jahrhunderts ein. Diesen scheinbar polaren musikalischen Welten ist gemeinsam eine bisweilen extreme Expressivität der Reduktion auf das Wesentliche, die Abwesenheit jeglicher romantischer Süße zugunsten der erhabenen Schönheit des Kargen, Herben und Klaren.

Die beschwörenden Melismen, das Obsessive und Rituelle der Rhythmen des Polo und der Sevilliana mit ihren typischen 6/8-3/4-Umdeutung, das insistierende Umkreisen und Ausloten der doch unerschöpflichen phrygischen Kirchentonart neben den schroffen Farben unaufgelöster und unauflösbarer Dissonanzen - all das schließt sich zu einem eigenen, in sich stimmigen Kosmos.Die Musik Rodrigos hat über den langen Zeitraum seines Schaffens so sehr den Status dieser In-sich-Geschlossenheit erlangt, daß sie nicht mehr kategorisierbar im Sinne von Stilepochen oder Begriffen wie ”folkloristisch” oder ”klassizistisch”, sondern völlig zeitlos, immer dagewesen und endgültig erscheint.

Obwohl, wie eingangs betont, das Gitarrenrepertoire keineswegs reich gesegnet ist mit Stücken, in denen die andalusische Ader wirklich spürbar pulsiert, haben sich von den diversen Solowerken Rodrigos nur der Fandango, En los trigales und neuerdings Invocacion y danza fest in der Aufführungsprasxis etabliert; andere wie En tierras de Jerez sind geradezu unbekannt. Worin auch immer die Ursachen dieses Mißverhältnisses liegen mögen - in einer mangelnden Qualität der Werke sicher nicht.

Wer die Gitarre liebt, muß einfach von den charakteristischen Spielweisen der Flamencovirtuosen stets auf’s Neue überwältigt sein und findet ihre konsequente stilisierte Adaption für die klassische Gitarre nur in den Werken Rodrigos. Hier werden hochvirtuose Techniken wie rasgueado-Akkordschläge, schnelle Skalen, Tremolo der rechten und komplexe Ornamentik der linken Hand fernab jeglicher Klischees, jeglichen Selbstzwecks im Sinne einer souveränen, von künstlerischer Gestaltungskraft durchwirkten Tonsprache nutzbar gemacht. Dies ist umso erstaunlicher, als daß der seit seinem dritten Lebensjahr erblindete Komponist die Gitarre nicht spielt, sondern nur vom tiefen Verständnis ihrer ”Idee” inspiriert ist.

Die Forderung de Fallas, die Musik des Volkes nicht bloß zu zitieren , sondern ihren ”Geist”, das unverwechselbare Wesen der Landschaft und ihrer Bewohner aufzunehmen und spürbar zu machen, erfüllt sich besonders in den Stücken der ”imaginären Suite” Por los campos de España, von der ich vier zusammengestellt habe, deren Titel sogleich lebhafte Assoziationen wecken.Während Zarabanda lejana, ein Orchesterwerk impressionistischer Klanglichkeit, das 1926 mittels Transkription zu Rodrigos erstem Gitarrenstück wurde, eine Verneigung vor einer großen Epoche spanischer Musik im 16. Jahrhundert darstellt, wird im Fandago, Zapateado und dem dritten Satz der Elogio Domenico Scarlattis und Padre Antonio Solér’s spanische Vergangenheit gegenwärtig, wie überhaupt in den Tres piezas barocke Vorbilder im Gewand spanischer Rhythmen und Weisen lebendig werden - und umgekehrt.

Elogio de la guitarra aus den siebziger Jahren zeigt die Anlage einer Sonate und läßt miterleben wie ein reifer, luzider Rodrigo auf die ganze Meisterschaft seines bisherigen Komponierens für die Gitarre festlich gestimmt zurückblickt, während das 1960 für einen Wettbewerb geschriebene Invocacion y danza längst als das überragende, die Homenaje de Fallas kongenial weiterführende Gipfelwerk der modernen Gitarrenliteratur anerkannt wird.

Aufgrund ihrer Schwierigkeit werden bei Stücken Rodrigos immer wieder Streichungen und Veränderungen vorgenommen, die ganz schnell die Substanz beschädigen. Da der Komponist noch lebt, gehe ich von seinem Einverständnis mit den veröffentlichten Ausgaben aus. Von Invocacion y danza ist zuletzt eine revidierte Edition erschienen, deren aufschlußreiches, sicherlich originales Material ich mit den Lösungen der bewährten Alirio Diaz-Version kombiniere. Im Falle Elogio de la guitarra ist ein Urtext mit zu vernachläßigender Ossia-Version erhältlich, wobei ich mich, wie bei den vorangegangenen Aufnahmen bemühe, dem Bewußtsein der Kostbarkeit jeder einzelnen Note aus der Eingebung eines Meisters, sowie den Gesetzen des Tonsatzes Rechnung zu tragen.

Für diese Aufnahmen hatte ich schon lange einen gewissen ”Sound” im Ohr, an den ich mit Hilfe der Gitarrenbauer meines Vertrauens unbedingt herankommen wollte. Das hier benutzte Instrument wurde letztendlich von Francesco Santiago Marin in Granada so unmittelbar vor den Aufnahmen fertiggestellt, daß ich es gerade noch abholen konnte - eine eigentlich unpassende Hektik und Schnellebigkeit angesichts der Zeitenräume, die ein Rodrigo durchmessen hat.

Dieser kleine, blinde Mann hat Kraft einer außerordentlichen Bestimmung und Vitalität bereits unser ganzes Jahrhundert mit seiner wunderbaren Existenz begleitet. Dankbar und ehrfürchtig nähern wir uns seinem bevorstehenden hundertsten Geburtstag.

Frank Bungarten