24 Caprichos de Goya
Mit dem monumentalen Goya-Zyklus schuf Mario Castelnuovo-Tedesco (1895-1968) das größte in sich geschlossene Gitarrenwerk - ohne Vergleich in der stupenden Kombination von Umfang, Anspruch und Schwierigkeit.Als er dieses op. 195 zu Anfang des Jahres 1961 nach längerer Vorbereitung niederschrieb und seinem Sohn Lorenzo widmete, blickte er zurück auf eine 30-jährige Erfahrung im Komponieren für die Gitarre, die er gleichwohl niemals selbst gespielt hatte.
Der nach Hollywood emigrierte Italiener gehörte zu den ersten Komponisten, die von Andrés Segovia gewonnen wurden, der Gitarre ein modernes, ernstzunehmendes Repertoire zu schenken und erreichte nun, zum Ende seines Lebens, den Gipfel des daraus erwachsenen, äußerst produktiven Schaffens.Längst war die teils einengende, teils enttäuschende Zusammenarbeit mit Segovia Vergangenheit und längst hatten sich die Schöpfungen des versierten, raffinierten Lied- und Orchesterkomponisten Castelnuovo-Tedesco verselbständigt, wenn er die Gitarre zur Trägerin seiner vornehmsten künstlerischen Eingebungen machte.
Eine Ursache für seine Neigung, gerade dieses Instrument mit besonders gewichtigen, prätentiösen Werken zu betrauen, mag darin zu sehen sein, daß sein cantabler, neo-romantischer Stil in der Blütezeit der atonalen Avantgarde wenig Würdigung fand, während die im Konzertleben aufstrebende Gitarre noch einen großen Bedarf an hochwertigem, traditionell gefaßtem Repertoire hatte.
Zudem gab es im Leben und Schaffen des Mario Castelnuovo-Tedesco eine Art "spanischer Konstante": seine Vorfahren waren als jüdische Sephardim im 15. Jahrhundert von Spanien nach Italien ausgewandert und die Besinnung auf diese Wurzeln offenbarte sich immer wieder in einfühlsamen Vertonungen spanischer Dichtungen und stilistischen Anklängen an charakteristische spanische Rhythmik und Melodik.Die Wahl der Caprichos von Francisco Goya y Lucientes (1746-1828) als außermusikalischem Hintergrund seines opus magnum hat jedoch auch den eindeutig autobiographischen Aspekt einer persönlichen Identifikation mit dem Maler und dem Ausdrucksgehalt der Grafiken. Vieles deutet darauf hin, daß dieses Werk für Castelnuovo-Tedesco absolut Bekenntnis ist, gewonnen aus Lebensrückblick, Altersbitterkeit und Altersweisheit.
Eine eingehende Erörterung oder gar Interpretation der betreffenden Grafiken Goyas, sowie eine adäquate Betrachtung, in welch brillanter, tiefgründiger Weise sich die Stücke Castelnuovo-Tedescos auf die 24 (aus insgesamt 80) ausgewählten Bilder beziehen, müßte zwangsläufig Buchform annehmen und den Rahmen dieser Zeilen sprengen.Unschwer zu erkennen ist, daß die Caprichos, die auch in Goyas Werk eine Sonderstellung einnehmen, in bitter satirischen Anspielungen die zutiefst verrotteten gesellschaftlichen Zustände Spaniens zum Ende des 18. Jahrhunderts geißeln, betrachtet im heraufdämmernden Geist der Aufklärung. Die von Goya stammenden ironischen Untertitel und Kommentare der Bilder mögen die Deutung ein wenig beflügeln, ohne über die vielfältigen Implikationen Aufschluß zu geben. Der hier folgende Abdruck der Bilder soll Gelegenheit geben, diese neben der Musik für sich sprechen zu lassen und zu individuellen Assoziationen und Nachforschungen anzuregen.Zur Anlage des op. 195 sei gesagt, daß die Gliederung in 4 Bände zu jeweils 6 Nummern bereits vom Komponisten auf die mögliche Realisation einer Aufnahme auf zwei Langspielplatten mit A- und B-Seite abgestellt war, wobei jeder Band mit einer schnellen, furiosen Nummer beginnt und einer getragenen, größer angelegten Form ernsten Charakters endet.Fast alle Stücke bedienen sich mehr oder minder direkt historischer Tanzformen, die natürlich auf das jeweilige Bild bezogen sind.Nummer I und XXIV, deren Bildvorlagen nicht direkt der Werkgruppe der "Caprichos" zugehören, enthalten jeweils einen Fugato-Teil; das Eröffnungsmotiv der ersten Nummer kehrt zum Abschluß der letzten wieder und verweist auf die zyklische Geschlossenheit und Symmetrie der gesamten Form.Bei gleichzeitiger Wahrnehmung der Musik und deren bildnerischen Vorlagen wirkt zunächst irritierend, daß Castelnuovo-Tedescos musikalische Sprache - zumal in seiner Zeit - in beinahe diametralem Gegensatz steht zur Bösartigkeit und Schärfe der durch Goya in den Caprichos offenbarten grimassierenden, abgrundhäßlichen Bilderwelt. Die Musik erhebt jedoch überhaupt nicht den Anspruch einer analogen Umsetzung, sondern bewegt sich in ihrem völlig eigenständigen Idiom assoziativ entlang der verschiedenen Bedeutungsebenen der Bilder. Der Komponist geht auf die Bilder ein, läßt sich von ihnen anregen, wahrt einen tief inneren Zusammenhang und gewinnt doch Raum für seine persönliche Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Sujet.Als ein bezeichnendes Beispiel sei Nummer XV angeführt, in der er zu dem Titel Si sabrá mas el discipulo? eine grotesk artikulierte, leicht stupide Zwölftonreihe wie verblödet wiederholen, rückwärtslaufen, spiegeln und gespiegelt rückwärtslaufen läßt, als tölpelhafte Gavotte oder als rustikale Musette und so auf seine Weise im Spiegel der Grafik Goyas die Dodekaphonie verhöhnt.
Dank seiner Erfahrung im Komponieren für Gitarre und der Kenntnis ihrer spezifischen Effekte hatte Castelnuovo-Tedesco eine erstaunlich klare Vorstellung davon, wie ein musikalischer Gedanke auf den Tonumfang und die schwer durchschaubare Spieltechnik des Instruments umzusetzen ist.Dennoch bleibt er gerade in den Caprichos de Goya unverkennbar Orchesterkomponist. Der überbordende Fluß seiner Einfälle, die dichte Textur seines Kontrapunktes, das durch die Thematik der Goya-Bilder herausgeforderte Extreme und Exzessive bedeutet eine beinahe ständige Überforderung der Gitarre, gemessen an bekannten Standards. Ohne gewisse Veränderungen, beziehungsweise abenteuerliche technische Lösungen ist daher keines der Caprichos direkt spielbar.Gottlob wurde der unveränderte Originaltext veröffentlicht, sodaß ich - wie bei meiner Version der Sonate von Antonio José (MDG L 3407) - die sinnentstellende, wesentlich vereinfachte Spielfassung des Herausgebers übergehen und eine weitestmöglich dem Original entsprechende Fassung erarbeiten konnte.
Meine Arbeit an diesem Werk begann heute vor drei Jahren, die Aufnahmen wurden 1995, dem hundertsten Geburtsjahr Mario Castelnuovo-Tedescos abgeschlossen und werden nun, im zweihundertfünfzigsten Geburtsjahr Goyas veröffentlicht. Diese Musik leitete mich zu der Erfahrung einer neuen Dimension des Gitarrespielens, die alles Gekannte seltsam relativierte. Dank ihrer handwerklichen Reinheit und künstlerischen Aufrichtigkeit hat sie den Einsatz, den sie fordert, vielfach entschädigt.
Mai 1996, Frank Bungarten
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