Etüden
Sor ist unzweifelhaft der erste Guitare-Spieler der Welt; es ist unmöglich, sich einen Begriff davon zu machen, zu welchem Grad an Vollkommenheit er dieses ärmliche Instrument erhoben hat...(seine) größte Stärke ist die freye Phantasie: er spielt immer dreyund vierstimmig und nie hört man von ihm das gemeine Arpeggien-Geklimper. (AMZ 1832 Korrespondenzbericht aus Paris von S. Neukomm)
Fernando Sor kam 1778 in Barcelona als erster Sohn eines Kaufmanns zur Welt. Von den Eltern nicht zu einer musikalischen Laufbahn bestimmt, begann er schon als Fünfjähriger aus eigenem Antrieb Violine und Gitarre, die Instrumente des Vaters zu spielen. Nach dessen frühem Tode trat Fernando 1791 in die Freischule des Klosters Monteserrat ein, wo die Musik im Mittelpunkt einer umfassenden Ausbildung stand. Der junge Sor war dort in eine tägliche Musizierpraxis eingebunden, zu der Chor- und Sologesang ebenso gehörte wie das Spiel von Streich- und Tasteninstrumenten. Die gründliche Unterweisung in den strengen Regeln des Tonsatzes und die frühe Übung in der Komposition von Kantaten und Messen prägten den enthusiastischen Klosterschüler und waren die Keimzelle jener Meisterschaft, die wir heute rühmen. Der Unterricht in Fremdsprachen und die allgemeine charakterliche Schulung mögen zudem eine Grundlage seiner späteren Weltgewandheit gewesen sein.
Erstaunlicherweise schlug er nach dieser Zeit die vorgesehene Militärlaufbahn ein und erwarb den Rang eines Offiziers. Er bekleidete Ämter als Aufseher herzöglicher Ländereien beziehungsweise in einer königlichen Verwaltung, ohne jedoch seine vielfältigen musikalischen Tätigkeiten jemals zu vernachlässigen. 1697 erlebte er die erfolgreiche Aufführung seiner ersten Oper in Barcelona. Im spanischen Bürgerkrieg, in der Folge der Besetzung des Landes durch Napoleon, stellte sich Sor auf die Seite der Franzosen und verließ bei deren Rückzug im Jahre 1813 für immer seine Heimat.
Seine Flucht führte nach Paris, wo er sich bald als ein Gleicher unter den führenden Musikern fühlen durfte und sich endgültig als Gitarrist etablierte. Bereits vor seiner Emigration waren seine ersten Gitarrenkompositionen hier erschienen. Wie schon in Spanien und auf allen späteren Stationen seines Lebens, blieb sein Begehren nach einer Anstellung als Musiker in höfischen Diensten unerfüllt.
Er verließ Paris1815 und lebte bis 1823 in London. Hier konzertierte er als Gitarrenvirtuose in der Königlichen Philharmonie und war aufgrund des Erfolges seiner Liedkompositionen ein gefragter Gesanglehrer. An der Seite seiner zweiten Frau, der designierten Primaballerina des Moskauer Bolschoi-Theaters führte sein Weg nach Rußland. Weitere Aufenthalte waren Berlin und Warschau. Wohin er gelangte, wurden vor allem seine Ballette aufgeführt, sein erfolgreichstes Werk “Cendrillon” über hundert mal allein an der Pariser Oper. Seine Musik erklang im Schloß Sanssouci zu Potsdam, zur Eröffnung des Bolschoi-Theaters in Moskau wie zur Krönung des Zaren Nikolaus I. in Petersburg. Auch als Gitarrist wurde er am Hofe des Zaren gehört. Seine Gönnerin, die Kaiserin Elisabeth verstarb jedoch, bevor Sor die Sicherheit einer Lebensstellung zuteil werden konnte.
Von 1826 an blieb er endgültig in Paris, und begann, seine Gitarrenwerke, nebst der “Méthode pour la guitare” in eigenem Verlag heruszugeben. Wenngleich er zu dieser Zeit in der musikalichen Welt bereits den Ruhm genießen konnte, die Gitarre durch sein Spiel und seine Kompositionen in einen neuen Rang erhoben zu haben, waren diese letzten, reifen Jahre überschattet von Enttäuschung und Leid. Eine ignorante Käuferschaft wußte die um den Preis sorgfältigen Übens harmonikal anspruchsvollen Gitarrenwerke Sor’s nicht zu schätzen, und verlangte nach immer leichteren Stücken. Voller Bitternis verhöhnte Sor zwischen 1830 und 1833 die Gitarristen mit Werken die fast nur die leeren Saiten benutzen und denen er außer einem ausführlichen “Fingersatz” gallig-ironische Titel (“Na endlich” op. 51) und Vorworte beigab.
Zudem war seine tiefste Ambition, Anerkennung als Opernkomponist zu erlangen, unerfüllt geblieben, sein Stil war als zu “gelehrt” für die französische Oper verworfen worden. Erschüttert vom Tod seiner Frau und seiner über alles geliebten Tochter starb er 1839 nach schwerer Krankheit.
Die Überlieferung vieler Details dieses facettenreichen Lebenswegs verdanken wir Sor’s ganz im Bewußtsein seiner Talente verfaßten autobiographischen Schriften. Ein erheblicher Teil seines Schaffens, so die Kammermusik oder die zum Tode seiner Tochter geschriebene Messe – wahrscheinlich seine letzte große Komposition – ist jedoch verschollen. Sors immenser Beitrag zur Gitarrenmusik, vor allem Fantasien, Variationswerke, Etüden und Duos, ist – da bereits zu Lebzeiten gedruckt und verbreitet – heute im Umfang und 63 Opuszahlen dokumentiert.
Die geschilderten Umstände lassen folgerichtig erscheinen, daß der Name Fernando Sor heute nur unter den Liebhabern der Gitarre für eine einzigartige Größe steht. Dennoch hat eine angemessene Auseinandersetzung mit seinem gesamten Oeuvre für dieses Instrument kaum begonnen. Immer noch ist es leichter, ein paar Stützbässe auf den leeren Saiten E, A, D zu spielen, als eine kunstvolle Stimmführung in Es-Dur.
Sor war – ungewöhnlich für die Welt der Gitarre – nicht befangen in den Dimensionen des Instruments, sondern schöpfte aus einem profunden, universellen, geistigen und handwerklichen Musikertum. Die noble, gehaltvolle Kunstfertigkeit seines Stils, unvergleichbar der allzu wirkungssicheren Salon-Eleganz anderer komponierender Gitarrenvirtuosen des 19. Jahrhunderts, drückt sich nirgends reiner, gefaßter aus als in seinen Etüden. Ausgerechnet die Werke dieser Gattung sind weit entfernt, der in ihrem Titel unwillkürlich ausgelösten Erwartung auf brillante Geläufigkeit irgendwie Genüge zu tun. Vielmehr konzentrieren sie sich darauf, in abwechslungsreicher Folge besonders verdichtete Beispiele klassischer Vollkommenheit in Melodik, Stimmführung und Form zu geben. Das klingende Erlebnis dessen, was der Komponist in seiner apodiktischen “Méthode pour la guitare” als die “allgemeinen Grundsätze der Musik” beschwört, scheint der vornehmste Studienzweck dieser Etüden zu sein. Ganz im Geiste seiner eigenen Ausbildung begreift Sor, der im Ausdrucksgestus bereits der Romantik zuneigt, die Musik selbst als ein Handwerk, das der Instrumentalist zu erlernen habe. Zu sehen, wie vollkommen sich das spieltechnische Handwerk mit jenem musikalischen durchdringen kann, und wie doch das musikalisch Notwendige das technisch Richtige auf natürliche Weise hervorbringt, ist eine wunderbar überzeugende Erfahrung die beinahe jede der insgesamt 97 Nummern (in fünf Bänden) in immer neuer Art vermittelt.
Die kleinen “einleitenden Etüden“ op. 6 nicht weniger als die sperrigen, manuell schonungslosen Konzertetüden des op. 29 erzwingen geradezu von innen heraus ein kantables Spiel, polyphones Denken und Ausgewogenheit in Klang und Dynamik. Die Mannigfaltigkeit der Charaktere und Aufgabenstellungen ist kaum zu benennen. Wer sich in der Gitarrenliteratur immer nach einem perfekten dreistimmigen Choralsatz sehnte, weiß um die einzigartige Bedeutung des op 6 Nr 8. Beispiele gediegener quasi-orchestraler Polyphonie auf kleinstem Raum sind vor allem op. 29 Nr.5 und Nr.10.
Die Flageolett-Etüde op. 29 Nr.9 bringt in unerhört selbstverständlicher Radikalität einen vollständigen Liedsatz ausschließlich in den natürlichen Obertönen der leeren Saiten. In op. 6 Nr.6 und Nr.9 dürfen sich Terzen und Sexten ausnahmsweise im ungezügelten Parameter der Geschwindigkeit entfalten. Die op. 29 Nr.1 und op. 31 Nr.22 beweisen, daß es etwas gibt, das auch auf der Gitarre nur in der Tonart B-Dur gesagt werden kann. Für diejenigen, die Musik von Sor immer schon etwas banal fanden, birgt op. 29 Nr.2 eine definitive, augenzwinkernde Antwort. Tiefer Vertraute erkennen in den Etüden grundweg die Essenz der charakteristischen, eigenständigen Tonsprache des Fernando Sor: das verfeinerte Ausdrucksspektrum seiner Vorhaltsharmonik. Den Nachklang opernhafter Dramatik neben den zarten, verwehten Miniaturen. Die heroische In-die-Welt-hinaus-Gebärde des Napoleonanhängers und die elegische Melodik seiner Russischen Lebensphase. Die Momente unschuldiger Anmut oder beinahe Schubert’scher Gebrochenheit.
Ich habe mir die Freiheit genommen, für diese Aufnahme die vierundzwanzig Sor-Etüden meiner persönlichen Vorliebe auszuwählen, die sich in einen vortagsmäßigen Zusammenhang bringen lassen. Da die ursprüngliche Zusammenstellung rein didaktischer Natur und nur für den Spieler interessant ist, glaube ich, der Musik den besseren Dienst durch eine quasi konzertante Abfolge zu erweisen. Dabei habe ich die Tonarten des Quintenzirkels zugrunde gelegt, um dem Zuhörer die Orientierung innerhalb einer Anzahl recht kurzer Stücke zu erleichtern.
Frank Bungarten
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